»Hast du Bier im Kühl...  begann Lauber, als der Kai-Stuhl genau in diesem Moment die Arbeitsverweigerung aufgab und doch noch seinen Job tat. Die Lehne und die hinteren beiden Stuhlbeine hatten sich von Sitzfläche und Vorderbeinen mit einem hämischen Knarzen verabschiedet. Laubers stattliche neunzig bis hundertzehn Kilo kippten halt- und freudlos nach hinten. Ben sah, wie Lauber überrascht die Augen aufriss, als er realisierte, dass sich unter seinem Arsch nur noch abgestandene Küchenluft befand. Instinktiv, doch völlig nutzlos, warf er die Hände nach oben. Dabei stieß er einen Schrei aus, als würde er gerade vom höchsten Punkt einer Achterbahn in den Abgrund kacheln. Holz krachte, und Ben vernahm so etwas wie ein »Kaduff«.
Unschlüssig, ob er lieber gleich verduften sollte oder erst versuchen, Lauber unschädlich zu machen, stand er reglos da. Dann spürte er Hitze an seiner Kopfhaut, die nahtlos in einen reißenden Schmerz überging. Lauber lag am Boden, die Knarre war ihm aus der Hand gefallen, und er fingerte unbeholfen danach, während er gleichzeitig damit beschäftigt war, sich auf die Seite zu drehen, um aufstehen zu können. Ben kickte nach der Pistole, und sie glitt über den PVC und die Türschwelle, drehte sich noch zwei Mal um die eigene Achse und blieb dann auf dem Wohnzimmerteppich liegen. Eine neue Schmerzwelle durchzog Bens Kopfhaut, doch er hatte keine Ahnung, was passiert war. Kam nicht auf die Idee, dass sich ein Schuss gelöst und ihm ein Stück seiner linken Kopfhaut bis auf den Schädelknochen skalpiert hatte. Instinktiv griff er sich den Teil des Stuhls, der aus Sitzfläche und Vorderbeinen bestand. Zu leicht, das Scheißding, dachte er, als er es mit übertriebener Wucht hochriss und durch die überschüssige Kraft ein Stück nach hinten taumelte.
Lauber hatte es geschafft, sich auf die Seite zu drehen, und es gelang ihm beinahe, sich aufzurichten. Zum Glück war er durch seine kompakte Bauweise und einen Body-Mass-Index jenseits der dreißig nicht eben der Leichtfüßigste, was Ben genügend Zeit einräumte, um ihm eines der Stuhlbeine direkt und heftig auf den Hinterkopf zu pflastern. Er stöhnte auf und sackte schwerfällig zusammen. Ben hielt seine Kai-Stuhl-Waffe weiterhin in einer Hand – bereit, sie ein zweites Mal einzusetzen, doch das schien momentan nicht nötig zu sein. Mit seiner freien Hand griff er sich an den Kopf. Sofort durchzuckte ihn ein glühender Schmerz. Er zog die Hand zurück und sah, dass seine Handfläche blutverschmiert war. In diesem Moment erst registriere er den Schmauchgeruch, der stechend in der Luft lag.
»Fuck«, rief er und kniff schmerzverzerrt die Augen zusammen. Nun, da er wusste, dass ihm ein Projektil einen mehr als gründlichen Haarschnitt verpasst hatte, kannte der Schmerz keine Grenzen mehr. Ben zog scharf die Luft ein, als er sich ein halbwegs sauberes Küchenhandtuch griff, welches an einem Plastikaufhänger in Form eines lächelnden Schweines neben dem Kühlschrank hing. »Fuck«, fluchte er ein zweites Mal, als er spürte, wie ihm warmes Blut an Ohr und Wange hinablief. Zum Glück döste Lauber weiter vor sich hin. Oder tat der vielleicht nur so? Ben ließ das Handtuch auf dem Kopf liegen und näherte sich, halbstuhlbewaffnet, dem reglosen Körper. Nicht, dass ich ihn totgeschlagen hab, ging es ihm durch den Kopf, als er gleichmäßige ruhige Atemzüge bei Lauber feststellte. »Zum Glück«, raunte er und tippte Laubers Oberschenkel mit seiner Schuhspitze an, als wäre das die angebrachte Methode, um Vitalzeichen zu prüfen und zu eruieren, ob der Ohnmächtige möglicherweise gleich wieder angriffslustig sein würde. Lauber regte sich nicht. Ben schlich langsam zurück und in Richtung der Pistole, die unschuldig auf dem Wohnzimmerteppich lag. Ohne Lauber aus den Augen zu lassen oder seine provisorische Schlagwaffe abzulegen, hob er die Knarre behutsam mit Daumen und Zeigefinger direkt am Schalldämpfer an. Wohlbedacht, weder dem Abzugsbügel zu nahe zu kommen noch den extra langen Lauf auf sich oder Lauber zu richten. Die Knarre wog mehr, als er erwartet hatte, und er musste sie wohl oder übel fester greifen, um sicherzustellen, dass sie ihm nicht entglitt. Selbst wenn Lauber die Augen geöffnet haben sollte, hätte er davon nichts mitbekommen, denn sein Kopf war in die entgegengesetzte Richtung gedreht.
»Ich habe Ihre Waffe«, sagt Ben. »Ich habe hier Ihre Waffe!« Und dann, um die Fronten eindeutig zu klären und Lauber keinen Deutungsspielraum zu geben, fügte er hinzu: »Hier in meiner Hand.«
Er trat langsam näher an Lauber heran. Er hatte das Gefühl, fast zu ersticken, weil er dem Drang, tief und hörbar durchzuatmen, widerstand. Er gab sich Mühe, seine Stimme fest und entschlossen klingen zu lassen. »Ich komme näher. Und Sie werden schön still liegen bleiben, Lauber. Schön still! Sonst …« Das Bild von Bruce Willis in Unterhemd mit einer Riesenwumme in der Hand kam ihm in den Sinn, ließ sich jedoch nicht mit dem zitternden Hänfling in Einklang bringen, für den er sich in diesem Moment hielt. Nur schweren Herzens rang er sich dazu durch, seinen Schlagstuhl auf dem Küchenboden abzulegen. Dieser hatte ihm weitaus mehr an subjektiver Sicherheit vermittelt, als es die Knarre in diesem Moment tat. Durch die Tatsache, dass er sie am Lauf festhielt und nicht am Griff, würde er auch damit kraftvoll zuschlagen können, sollte das unbedingt notwendigsein. »Schön stillhalten«, sagte er beschwichtigend, als er die Handschellen vom Tisch griff und sich neben Lauber kniete. Der gab beim Klimpergeräusch der Kette prompt ein verschlafenes Grunzen und ein minimales Zucken von sich, was Bens bewaffnete Hand reflexartig dazu verleitete, ihm den Griff wuchtig auf den Hinterkopf zu hämmern. Laubers Körper nahm es widerspruchslos hin. »Oh, sorry. Das hätte nicht sein müssen«, flüsterte Ben, der spürte, wie ihm der Schweiß in Bächen vom Kopf lief und auf Laubers Mantel tropfte. Das rot-weiß karierte Küchenhandtuch, welches nach wie vor seine Kopfhaut zierte und den Schmerz, der von der Wunde ausging, hatte er vollkommen vergessen. Die Pistole parkte er kurz auf dem Küchentisch, um beide Hände frei zu haben. Dann drehte er Laubers Arme auf dessen Rücken und legte ihm die Handschellen an. Vorsichtshalber fixierte er ihn zusätzlich am Heizungsrohr, und dafür mussten Laubers Arme etwas unnatürlich verbogen werden. Sicher würde seine Schulter später ordentlich wehtun. Wen juckte es? Erst als Ben sicher war, dass Lauber seinen Körper nicht mehr Erfolg versprechend würde einsetzen können, selbst wenn er eine Spontanheilung erfahren sollte, ließ er sich nach hinten gegen den Backofen sinken und atmete keuchend.
Der Schmerz in seinem Kopf setzte wieder ein, und eine Sekunde lang fühlte er sich einer Ohnmacht verdammt nahe. »Nur nicht schlappmachen«, ermahnte er sich selbst. »Ich muss zu Kai.« Er drehte wie ein Suchender seinen Kopf nach links und rechts, so als würde er Kai bereits dort vermuten, dann rappelte er sich auf. Sein Blick wanderte durch Zufall zu der Stelle an der Wand, an der das Projektil eingedrungen war. Ein daumendickes Loch klaffte dort. Drumherum war der Putz in einem Durchmesser von gut zehn Zentimetern abgeplatzt und die weiße Raufasertapete wölbte sich wie ein Krater nach außen.
»Ach du Scheiße«, stammelte er. Keine Sekunde hatte er daran gedacht, dass die Kugel, die ihn gestreift hatte, ja auch irgendwo eingeschlagen war. Und nun, wo er mit eigenen Augen sah, welchen Schaden so eine Knarre anrichten konnte, wurde ihm übel. Seine Hände zitterten, und er musste sich kurz an der Arbeitsplatte abstützen, wenn er sich nicht jeden Moment, ebenfalls bewusstlos, zu dem schlafenden Lauber gesellen wollte. Er riss einen der Hängeschränke auf, dann einen zweiten, griff wahllos eine Tasse, füllte sie an der Spüle und trank ihren Inhalt in einem Zug aus. Dann wiederholte er das Prozedere ein zweites und ein drittes Mal. Das frische Wasser entfaltete augenblicklich seine Wirkung. Raus hier, dachte er und schritt in Richtung Tür.
Im letzten Moment fiel ihm die Knarre ein, die nach wie vor auf dem Küchentisch lag und die er unmöglich hier zurücklassen durfte. Er packte sie am Griff und achtete erneut darauf, dass der Lauf möglichst weit von ihm wegzeigte und seine Finger nicht in die Nähe des Abzugs kamen. Er verfluchte sich dafür, keine Ahnung zu haben, wie man das Magazin aus dem Ding entfernte oder wie die Sicherung zu aktivieren war. Das musste er sich auf jeden Fall von Uwe erklären lassen. Er stolperte ins Badezimmer, griff nach einem Handtuch, wickelte die Knarre vorsichtig ein und legte sie auf den Toilettendeckel. Dann biss er die Zähne zusammen und zog langsam das Küchentuch von der Wunde. Zum Glück war es noch nicht angetrocknet. Er sah in der Mitte einen handtellergroßen, dunkelroten Fleck. Er warf es angewidert in die Duschkabine. Er öffnete das Badezimmerschränkchen. Wenn ihn nicht alles täuschte, müssten hier irgendwo ein paar Wundkompressen liegen. Er hatte Glück. Auch eine Packung Ibuprofen und Vomex lagen hier – Kais Katermedizin. Er nahm die Schmerztabletten an sich. Rescuetropfen waren gut, die steckte er sich ein. Im Moment favorisierte er allerdings die Segnungen der evidenzbasierten Schulmedizin. Er drückte sich zwei Tabletten aus dem Blister und spülte sie mit Wasser hinunter. Dann öffnete er mit den Zähnen eines der Kompressenpäckchen und legte den Tupfer vorsichtig auf die Stelle, an der er die Wunde vermutete. Dorthin, wo sein Schädel glühte wie ein Dönerspieß in der Hölle. Für den Moment musste das reichen, er hatte es eilig.
Im Flur griff er sich Kais BVB-Kappe von der Garderobe und setzte sie vorsichtig auf. Das würde die Kompresse erst mal an Ort und Stelle halten und dafür sorgen, dass er nicht allzu dämlich aussah. »Nur der BVB!«, murmelte er, öffnete die Wohnungstür, trat hinaus und zog sie hinter sich zu.
»Scheiße!«, rief er, noch während das Klacken der Türverriegelung im leeren Treppenhaus verebbte. Er drückte gegen die Tür, doch selbstverständlich, oh Wunder, bewegte sie sich keinen Millimeter. »Wie doof muss man sein«, spie er wütend aus und konnte sich nur knapp davor bewahren, sich selbst vor den Kopf zu schlagen. Anscheinend hatte der Streifschuss einen Großteil seiner rational denkenden Gehirnregion mit auf die Reise in das Küchenwand-Land genommen. Er hatte komplett vergessen, Lauber die Handys abzunehmen – sowohl Laubers als auch sein eigenes. Und er hatte auch nicht eine Sekunde daran gedacht, den Wohnungsschlüssel mitzunehmen. Und Laubers Knarre lag auch fein eingerollt in Blümchenfrottee auf dem Klodeckel. »Egal«, schnaufte er, als er bereits die zweite Treppe erreicht hatte und zwei Stufen auf einmal nehmend in Richtung Haustür hastete. »Kein Schlüssel, kein Handy, Lauber bewusstlos in meiner Bude. Ich muss doch bekloppt sein …«
Draußen erwartete ihn die nächste Überraschung. Sein Fahrrad war weg. Offensichtlich gestohlen. »Alter. Ich werde wahnsinnig!«, schrie er und stampfte wütend zwei Mal auf den Bürgersteig, was einen älteren Herrn mit Plastiktüte, unter der sich drei braune Flaschen abzeichneten, veranlasste, ihn misstrauisch zu beäugen. Er hielt sich resigniert eine Handfläche vor die geschlossenen Augen. Irgendwer, Konfuzius oder Herbert Grönemeyer, hatte mal gesagt, man solle lachen, wenn es nicht zum Weinen reichen würde. Bei Ben reichte es problemlos, um lautstark und hysterisch loszuheulen, und er verspürte nicht übel Lust, das ein oder andere Kellerfenster einzutreten. Doch er hielt sich tapfer zurück und atmete tief.
Die Bullen konnte er nicht rufen, die würden ihn ewig aufhalten, und ob sie den Ernst der Lage begreifen würden, war auch nicht klar. Und diesen Kommissar Schuster würde er garantiert nicht noch mal anrufen. Er musste jetzt erst zu Kai. Das hatte oberste Priorität. Er schlug die Augen auf und sprach das Offensichtliche aus: »Ich muss ein Fahrrad klauen!«
Er blickte sich um. Doch noch bevor er ein Fahrrad entdeckte, das infrage gekommen wäre, tauchte etwas anderes vor seinen Augen auf. Laubers Auto. Das hatte er total vergessen. Abgestellt in der zweiten Reihe, und das Seitenfenster auf der Fahrerseite ein Stück weit heruntergelassen. Ben rannte die knapp zehn Meter. Es handelte sich um irgendeinen Seat. Wahrscheinlich ein Leihwagen. Ben erkannte tatsächlich eine blaue Plastikmappe von Avis auf dem Beifahrersitz, und am Zündschloss baumelte, direkt am Autoschlüssel hängend (Leck mich am Arsch, halleluja!), ein Avis-Schlüsselanhänger. Lauber hatte es dankenswerterweise nicht für nötig empfunden, den Schlüssel abzuziehen. Ben riss die Fahrertür auf und sprang förmlich auf den Sitz. »Dann klaue ich eben ein Auto!«
Ben hupte andere Verkehrsteilnehmer an, er fluchte und machte mehr als einmal eine unflätige Geste gegen andere, die ihm leicht ein Bußgeld von einigen hundert Euro hätte einbringen können. Er hatte es sogar geschafft, ohne zu wissen wie, mit quietschenden Reifen anzufahren. Das Radio war angesprungen, als Ben den Zündschlüssel gedreht hatte und der Jingle von WDR4 ertönte. Doch anstatt, dass danach Helene Fischer oder die Jakob Sisters aufheulten, erklang ein Lied von Tom Petty. Ben wusste nicht, dass der Text für ihn geschrieben war:
We went straight into darkness 
Out over the line 
Yeah, straight into darkness 
Straight into night
Die Bremsen knirschten, als er, keine zwölf Minuten später, vor dem Haus von von Dauss mit einer satten Vollbremsung zum Stehen kam. »Herr von Dauss«, rief er, noch ehe er die Fahrertür ganz geöffnet hatte.
Richard von Dauss, der selbst neben seinem Auto stand und eben dabei war einzusteigen, hielt abrupt in der Bewegung inne und blickte irritiert in Bens Richtung. »Herr Pruss. Was wollen Sie denn hier?« Er schaute in beiden Richtungen die Straße entlang, als erwartete er, dass sich noch jemand zu ihnen gesellen würde.
»Lauber kommt nicht«, sagte Ben knapp, der von Dauss’ Blick richtig gedeutet hatte. »Ich muss zu Kai. Der ist im Haus.«
»Keiner ist im Haus. Ich komme gerade von drinnen, und ich muss wieder los.« Seine Stimme fand nach der anfänglichen Irritation zurück zu ihrem beherrschten, leicht arroganten Ton.
Ben hatte keine Zeit für irgendwelche Spielchen. Kurzerhand schnappte er sich von Dauss’ Autoschlüssel, den dieser locker in der Hand hielt, und rannte den Fußweg entlang in Richtung Haustür.
»Doch, der ist da. Hab eben mit ihm telefoniert«, rief er dabei.
»Hallo? Geht’s noch?«, schrie von Dauss wütend und eilte hinter Ben her, der bereits die Tür erreicht hatte. Dummerweise war der Wohnungsschlüssel nicht am Autoschlüssel befestigt. Ben betätigte mehrfach den Klingelknopf und klopfte gleichzeitig mit der Faust an die Tür. Zusätzlich rief er Kais Namen in Dauerschleife. Als von Dauss ihn erreicht hatte, zerrte dieser ihn am Kragen zurück. »Feierabend, Kollege! Ich hab doch gesagt, dass keiner da ist.«
Ben schüttelte sich los und schob von Dauss die drei Stufen zurück auf den Gartenpfad. Dann setzte er ungerührt seine Klingel- und Ruftirade fort.
»Alles klar bei euch?« Der Ruf ertönte von der anderen Seite des Gartens. Isana stand hinter dem Gartenzaun und glotzte die beiden Kampfhähne befremdet an. In den Händen hielt sie zwei Pizzakartons, auf denen sie eine Plastikschüssel mit Salat und eine Tüte Pizzabrötchen balancierte. Beide Männer stoppten in ihren Bewegungen und fingen gleichzeitig an zu reden.
»Ich muss dringend zu Kai«, sagte Ben.
»Der Kerl hat mir meinen Autoschlüssel geklaut«, sagte von Dauss, dann ging das Handgemenge wieder von vorne los.
Isana hatte den Gartenweg erreicht und kam ihnen mit ungläubig hochgezogenen Augenbrauen entgegen. Sie sagte nichts, während sie die Pizzakartons neben Ben auf der obersten Steinstufe abstellte. Dieser war gleichzeitig bemüht, mit der einen Hand von Dauss daran zu hindern, ihm den Autoschlüssel zu entwinden und mit der anderen die Klingel zu betätigen.
»Warum lässt du ihn denn nicht rein?«, fragte Isana, ohne näher auf das merkwürdige Verhalten der beiden gestandenen Männer einzugehen.
»Der ist nicht hier. Hab ich dem ja die ganze Zeit schon gesagt.«
Isana blickte verdutzt drein. »Wieso soll der nicht da sein? Natürlich ist der da«, sagte sie, nahm wie selbstverständlich Ben den Autoschlüssel ab und warf ihn ihrem Vater zu.
Ben war sich sicher, dass von Dauss nun nicht mehr so scharf darauf war, schnell abzuhauen. Isana drehte sich um und schloss mit ihrem eigenen Schlüssel die Tür auf. Dann hob sie die Pizzakartons vom Boden auf und verschwand ins Haus. Die Tür schlug sie den verdutzten Männern vor der Nase zu. »Kai?«, rief sie laut in den Flur, und noch einmal: »Kai?« Dann war sie aus Bens Sichtfeld verschwunden.
»Du haust besser ganz schnell ab, Pruss, bevor es noch böse für dich ausgeht«, zischte von Dauss, und seine Stimme klang in Bens Ohren mächtig überzeugend.
Trotzdem antwortete er mit tonloser, drängender Stimme: »Wo. Ist. Kai.« Er betonte den Satz so, als stünde hinter jedem Wort ein Punkt.
»Das ist mir scheißegal, wo der Penner ist. Hier ist er jedenfalls nicht. Hau. Jetzt. Ab.« Dabei kam er mit dem Gesicht so nah an das von Ben heran, dass dieser sowohl dessen Rasierwasser als auch seinen abgestandenen Atem riechen konnte.
»Wenn ich gehe, komme ich in ein paar Minuten mit den Bullen zurück.«
»Na toll, und was willst du denen erzählen?«
Mist! Von Dauss hatte recht. Was sollte Ben denen schon erzählen? Seine Vermutung, was sich hier im Keller befand, war eben genau das: eine Vermutung. Und selbst wenn Ben an die Akte von Sander kam (verdammte Hacke, die hab ich Spacko ja auch bei Lauber liegen lassen), würde das bei der Polizei mehr Fragen aufwerfen, als er es sich momentan leisten konnte. Und schließlich lag da ja noch der Lauber selbst. Gefesselt. Verprügelt. Zum Glück ersparte ihm die wiederkehrende Isana eine Antwort.
»Kai ist wirklich nicht da. Und er geht auch nicht an sein Handy.«
In Ben manifestierte sich von einer Sekunde auf die andere ein Gedanke. Eine Gewissheit, was zu tun war. Er trat ein Stück nach vorne und stieß mit einem Ruck die Haustür nach innen, wobei er die verdutzte Isana gleich mit zurück in den Flur bugsierte. Dann kannte er nur noch eine Richtung. Wie von Kalle Bengel gejagt, sprintete er ins Haus und nahm Kurs auf Küche und Kellertür. Wie aus einem Munde riefen ihm Isana und Richard von Dauss ein »Hey!« hinterher. Eine Sekunde danach ließ Richard von Dauss’ Lähmung nach, und er hastete Ben hinterher ins Haus, ihn fluchend beschwörend, sofort (»Aber ganz schnell, Freundchen!«) stehen zu bleiben. Ben erreichte die Kellertür, als von Dauss gerade die Tür zur Küche passierte. Er riss am Türknauf, rief Kais Namen die Kellertreppe hinunter und wollte eben seinen Fuß auf die erste Stufe setzen, als Richard von Dauss ihn am Kragen packte und unsanft zurückzerrte. Ben weigerte sich, den Griff um die Klinke loszulassen, und versuchte mit seiner freien Hand, von Dauss’ Griff zu lösen. Bar jeglicher Nahkampferfahrung setzte er auf die seit Jahrtausenden bewährten Methoden Kratzen, Fingerverbiegen und Hauen.
»Bleib stehen, du Dreckskerl«, rief von Dauss, der nicht daran dachte, Ben loszulassen. Dabei hieb er mit der Linken auf Bens Nacken ein.
Auch von Dauss schien nicht besonders nahkampferprobt zu sein, wie Ben dankbar feststellte. Fast hätte er sich freigestrampelt, als von Dauss’ dritter Hieb ihn genau auf seine Kopfwunde traf. Ein stechender Schmerz durchzuckte Ben, der, wie es schien, vom Kopf bis direkt in die Eingeweide reichte. Ihm wurde schwarz vor Augen.
Sein Körper entschied, den Griff um die Klinke zu lösen. Langsam auf die Knie zu sinken. Aufzugeben. Dabei den Sturz die Treppe hinunter vielleicht, nur vielleicht, zu vermeiden. Ein schriller Schrei brachte ihn wieder ins Hier und Jetzt.
Isana war in die Küche getreten. »Seid ihr bescheuert?«, schrie sie, ohne dass Ben sie sehen konnte.
Er spürte, wie von Dauss ihn an der Jacke nach hinten riss. Ben drehte sich um und blickte Richard von Dauss direkt ins Gesicht. Bens rechter Arm holte nach hinten aus, er formte die Hand zur Faust. Zum ersten Mal seit der sechsten Klasse, als er Ulli Wenderka eine reingehauen hatte, weil der ihm im Sportunterricht die Hose runtergezogen hatte, schlug er jemandem mit der Faust ins Gesicht. Es war nicht Richard von Dauss, den er traf.
»Ich mach dich kalt!«, spie ihm Richard von Dauss entgegen. Dann ließ er von Ben ab und kniete sich zu seiner Tochter, die bewusstlos am Boden lag.
»Scheiße«, stöhnte Ben, der sich nicht erklären konnte, wie Richard von Dauss es fertiggebracht hatte, sich in bester Jackie-Chan-Manier wegzuducken. »Das wollte ich nicht«, raunte er in zerknirschtem Tonfall, dann drehte er sich um und rannte die Kellertreppe hinunter. Isana hin oder her. Er musste Kai finden. Sie würde es ihm noch danken! Von Dauss hatte ihn garantiert irgendwo hier eingesperrt, so rabiat, wie er den Keller verteidigte. »KAI!«, rief er aus Leibeskräften, doch er vernahm keine Antwort. »KAAAAI!«
Er hatte den Fuß der Treppe erreicht und hörte, dass von Dauss erneut hinter ihm her war. Mit wenigen Schritten gelangte er zur ersten Tür und riss sie auf. Fahles Dämmerlicht. Der Waschkeller. Hier war auf den ersten Blick nichts Weltbewegendes zu erkennen. Von Dauss hatte ihn beinahe erreicht. Ben hastete weiter in den Gang und zur zweiten Tür, welche nach rechts abzweigte. Er riss auch diese auf, trat hinein und knallte sie krachend hinter sich zu. Mit einem Griff bemerkte er, dass leider, leider kein Schlüssel von innen im Schloss steckte. Verzweifelt bemühte er sich, die Klinke nach oben zu drücken, während Richard von Dauss nur Sekunden später auf der anderen Seite versuchte, diese mit aller Gewalt in die entgegengesetzte Richtung zu bewegen. Gleichzeitig überschüttete er Ben mit einer Tirade aus nicht jugendfreien Flüchen und Drohungen. Ben hielt dem Druck stand, doch er ahnte, dass das nicht mehr lange so bleiben würde. Mit dem Arm drückte erneben der Türzarge mehrfach gegen die Wand. Beim dritten Versuch hatte er Glück, und sein Ellbogen fand den Lichtschalter.
Dumpfes Licht gab sich Mühe, die Dunkelheit zurückzudrängen, und Ben verspürte – obwohl ihm klar war, dass er dadurch nicht viel gewonnen hatte – ein zartes Gefühl des Triumphs. Sofort fiel sein Blick auf den Stuhl, der keine zwei Meter von ihm entfernt mitten im Raum stand. Vielleicht konnte er damit die Klinke blockieren? Der alte Schrubber, der neben dem Stuhl lag, schien nicht besonders geeignet für irgendetwas zu sein, was jenseits von Spinnwebenentfernung war. Er verstärkte den Druck der Schulter gegen das Türblatt und ließ seinen Körper langsam Richtung Boden gleiten. In dieser Position war es ihm nicht mehr möglich, den Türgriff nach oben zu ziehen. Er musste schlagartig von Zug auf Druck umstellen, und fast sah es so aus, als ob von Dauss diesen Moment für sich nutzen konnte. Den Moment, in dem Ben für den Bruchteil einer Sekunde keine Kraft auf die Klinke ausübte. Die Tür schnappte ein paar Zentimeter weit auf und fiel dann zurück ins Schloss.
So nicht, du Arsch!
Ben spürte, dass seine neue Position für ihn vorteilhaft war. Vorteilhaft, doch bei Weitem keine Dauerlösung. Er streckte sein linkes Bein in Richtung des Stuhlbeins aus, welches seinem Körper am nächsten war. Er müsste noch weiter runterrutschen, doch das hätte zur Folge, dass er niemals den nötigen Druck aufbringen konnte, um von Dauss draußen zu halten. Das würde er allerdings sowieso nicht mehr lange schaffen. Er hatte das Gefühl, von Dauss hing mit seinem ganzen Gewicht an der Klinke. Die Verwünschungen und Schimpfattacken von der anderen Seite waren mittlerweile weitgehend verebbt – von Dauss legte alle Energie in seine Aufgabe. Bald würde er die Oberhand gewinnen und die Tür aufbekommen. Also Plan B, dachte Ben. Er musste die Klinke loslassen und zum Stuhl hechten. Er schloss die Augen und zählte innerlich bis drei. Eins … zwei … Dann krachte es.
Er vernahm einen handfesten Fluch von der anderen Seite, der ausnahmsweise nicht ihm galt. Er spürte, dass der Druck auf die Türklinke mit einem Schlag verschwunden war. Vielleicht hatte er nur eine Sekunde Zeit. Vielleicht konnte er es doch noch schaffen, den Stuhl unter die Klinke zu bekommen, bevor von Dauss wieder loslegte. Er hastete, halb auf allen vieren kriechend, halb laufend, in die Mitte des Raumes, griff die Lehne des Stuhls und eilte zurück. Ein weiteres Krachen folgte. Heftiger als beim ersten Mal. Von Dauss hatte scheinbar seine Strategie geändert und trat oder sprang nun gegen die Tür. Und Ben erkannte auch warum. Mit einem metallischen Poltern fiel die Türklinke auf seiner Seite zu Boden. Zurück blieb ein quadratisches Loch, in dem der Vierkantstift gesteckt hatte, über den beide Klinken miteinander verbunden gewesen waren. Offensichtlich war auf der Seite seines Widersachers die Klinke abgebrochen, und von Dauss hatte, zumindest ohne Werkzeug, keine Möglichkeit mehr, auf konventionelle Weise in den Raum zu gelangen.
»Leck mich am Arsch!«, raunte Ben, der über den Zeitgewinn mehr als erfreut war. Ihm wurde plötzlich bewusst, dass er mit diesem Kellerraum direkt ins Schwarze getroffen haben musste. Denn ansonsten wäre von Dauss ja froh gewesen, dass Ben sich hier verschanzt hatte. Er hätte ihn in diesem Fall einfach gewähren lassen und die Tür von außen abschließen oder anders verbarrikadieren können.
Der nächste Tritt vom Gang aus riss Ben aus seinen Gedanken. So schnell würde die Tür nicht nachgeben. Von Dauss hatte garantiert nicht billig eingekauft. Ben sah sich im Raum um. Nachdem sich der Stuhl mangels Klinke als barrikadenuntauglich erwiesen hatte, blieb nur noch das Holzschränkchen übrig, um sich von Dauss vom Hals zu halten. Es wirkte recht stabil und sah so aus, als wäre es irgendwann mal aus Omas altem Wohnzimmer vor dem Sperrmüll gerettet worden. Ben rannte hin, zog daran, doch nichts tat sich. Er verstärkte kühn und entschlossen den Griff, stützte sogar einen Fuß an der Wand ab, zerrte, riss, ruckelte, doch der Schrank ignorierte seine Bemühungen ungerührt. Das Teil schien an der Wand festgetackert zu sein, auch wenn Ben nicht erkennen konnte wie.
Draußen im Gang war es still geworden. Gleich würde von Dauss mit größeren Geschützen zurückkehren, und dann würde Ben ihn nicht mehr zurückhalten können. Noch einmal legte er sein ganzes Gewicht auf das Möbelstück. Zerrte aus Leibeskräften, verzog das Gesicht zu einer angestrengten Grimasse, unterstützte seine Anstrengungen mit einem motivierenden »Grrrrrrrrrr«, doch der Schrank rührte sich keinen Millimeter. Dann hörte er es.
Ein Klopfen? Dumpf. So als wäre von Dauss auf den Dachboden gelaufen und hätte sich dort eine Tür ausgesucht, auf die er nun schlug. Poch … Poch … Poch-PochPoch. Nur wahrnehmbar bei vollkommener Stille zwischen zwei Grrrrs. Noch bevor er die Situation in irgendeine Schublade seines Gehirns einordnen konnte, fiel Ben noch etwas anderes auf. Die Rückwand des Schränkchens lehnte rechts daneben an der Wand. Und er erkannte im Innern des Schränkchens eine weiße Tür. Fast wie eine Kühlschranktür. Und ihm wurde klar, dass diese Kühlschranktür eigentlich hinter der Rückwand verborgen sein sollte. Die Erkenntnis kam mit einem Schlag. Kai war hinter dieser Tür. Und es musste auch Kai sein, der von der anderen Seite dagegen hämmerte. Das Klopfen war zu einem durchgängigen Poch-Poch-Poch-Poch-Poch-Poch geworden, und Ben spürte die Panik, die daraus sprach.
Er unterdrückte den Impuls, erneut den Namen seines Freundes zu rufen. Stattdessen ging er auf die Knie und zog an dem in die Tür eingelassenen Griff. Er ließ sich problemlos bewegen, und die Tür öffnete sich mit leisem Klacken einen Zentimeter. Und dann, gerade wollte er sie komplett öffnen, bekam sie einen heftigen Schlag von innen. Ben fiel nach hinten, landete auf dem Rücken, und noch ehe er wusste, was mit ihm geschah, war Kai über ihm. In einer grotesken Mischung aus Springen, Krabbeln und Zappeln war er in Sekundenschnelle aus dem Loch geschossen. Er kam nicht alleine. Zusammen mit ihm wehte ein markerschütternder Gestank aus dem Verlies. So intensiv, dass Ben unwillkürlich Tränen in die Augen schossen, und der schwerer zu wiegen schien als Kai, der zitternd auf Ben zusammengesunken war. Dabei zerrte er mit beiden Händen am Stoff von Bens Kragen und starrte ihn aus riesigen, entsetzten Augen an. Kai sah aus, als wäre er einer Irrenanstalt entflohen und hätte schon längere Zeit seine Pillen nicht mehr bekommen.
»Alter, du stinkst«, sagte Ben, und schob Kai mit einiger Kraftanstrengung zur Seite. Dieser sackte kraftlos neben ihm auf dem Boden zusammen, rollte sich in Embryonalhaltung ein und zitterte am ganzen Leib. Dabei ließ er ein leises Wimmern von sich hören. Der Gestank schien Ben förmlich ins Gehirn zu stechen, und er drückte die Tür bis auf einen kleinen Spalt zu. Dann kletterte er über Kai, der mit leerem Blick in die andere Richtung starrte.
»Wenn einer Rescuetropfen braucht, dann du, mein Lieber«, sagte er, holte das braune Fläschchen aus seiner Innentasche und träufelte Kai eine gehörige Portion davon in den Mund, der debil und kraftlos offen stand. Dann gab er ihm zur Sicherheit noch rechts und links eine Backpfeife. »Auch evidenzbasierte Schulmedizin«, murmelte er.
Kai schien sich etwas zu beruhigen. Das Zittern ebbte zusehends ab, und sein Blick fand den von Ben. »Zwei«, sagte er, doch es war mehr ein Hauchen. Er deutete auf die Tür in dem Wandschrank. »Sind tot.« Er zog die Lippen beeindruckend weit nach unten, richtete sich ein Stück weit auf und blickte Ben aus so fassungslosen Augen an, dass diesem das Gesicht seines Freundes wie das eines Fremden erschien. »Und ich war mit denen EIN-GE-SPERRRRT«, krächzte er, dann sprang er auf die Beine und schüttelte sich wie ein Straßenköter nach einer Moorpackung.
»Ja«, sagte Ben in sanfterem Ton, als er es selbst von sich erwartet hatte, stand ebenfalls auf und klopfte Kai freundschaftlich auf die Schulter. Das musste fürs Erste reichen. »Denk erst mal an was Schönes. Dein neues Linus-Update oder das Feierabendbier, das wir gleich trinken. Du musst dich nur noch ein einziges Mal zusammenreißen.« Er vernahm ein Knarzen an der Tür, und auch Kai hatte es vernommen. Er drehte sich in die Richtung, bevor er wieder Bens Blick suchte.
Von Dauss war zurückgekommen und versuchte, mit einem Brecheisen oder etwas ähnlichem die Tür zu knacken. Entweder besaß er keinen dicken Schraubenzieher, den er als Klinkenersatz verwenden konnte, oder er hatte als Sesselfurzer keine Ahnung, dass es so einfach sein konnte. So oder so, jeden Moment würde er hier aufschlagen, und dafür musste Ben noch ein paar kleine Vorbereitungen treffen.
Das Türblatt wölbte sich zum dritten Mal bedenklich nach innen. Gleich war es so weit, Ben packte die Lehne des Holzstuhls fester. Zum zweiten Mal an diesem verrückten Tag war es ein Stuhl, der eine wichtige Rolle in seinem Leben spielte. Was für eine Symbolik, ging es ihm grimmig durch den Kopf, sitzen werden du und Lauber eine lange Zeit. Dann hörte er ein unscheinbares kleines Geräusch. Klack machte es, und die Verriegelung war aus dem Rahmen gebrochen.
Eine Sekunde blieb es totenstill. Als sammelte von Dauss hinter der Tür noch einmal alle Kraft. Dann folgte ein dumpfer Schlag – von Dauss hatte gegen die Tür getreten, und Ben blickte direkt in das Gesicht seines Gegenspielers. Dieser hielt das schwere Brecheisen vor sich ausgestreckt in der rechten Hand. Eiskalte Wut stand ihm ins Gesicht geschrieben. Und nicht nur Wut. Es war blanker Hass. Und Ben, der spürte, wie ein Frösteln seinen Körper hinaufglitt, war sich sicher, auch eine Spur Wahnsinn in von Dauss’ Zügen ausmachen zu können. Der Bauunternehmer hatte sein Jackett ausgezogen. Sein ehemals blütenweißes Hemd klebte schweißnass auf der Haut, die obersten Knöpfe waren abgerissen, und ein Stück nackte, weiße Brust war zum Vorschein gekommen. Seine ansonsten in feinen Wellen nach hinten gekämmten grauen Haare standen wild vom Kopf ab. Dieser Typ würde das Brecheisen auch gegen Schädelknochen einsetzen, so viel stand fest. Um seine Geheimnisse zu wahren und seine Schätze zu retten. Denn die waren sein Lebenselixier, seine ganze Geschichte, und er würde sie nicht kampflos aufgeben. Das wurde Ben erst in diesem Augenblick mit voller Wucht klar.
Klar wurde ihm auch, dass der Stuhl, hinter dem er sich verbarg und den er jeden Augenblick als Schutzschild hochreißen würde, kein triftiges Argument gegen diese schmiedeeiserne Handwerkskunst darstellte.
»Ich bring dich um, Pruss«, spie ihm von Dauss entgegen, und Ben sah glitzernde Speicheltropfen durch die Gegend fliegen. Und dann tat er etwas, das Ben eine Sekunde lang verwunderte: Er warf das Brecheisen von sich.
Klimpernd fiel es zu Boden, rutschte auf dem rauen Untergrund einen halben Meter zur Seite und blieb dann liegen. Hier bin ich, hier bleib ich. Tödlich und momentan zu nichts zu gebrauchen. Ben folgte seinem Weg entgeistert mit den Augen, und als er den Blick zurück auf von Dauss lenkte, verstand er, warum dieser keine Verwendung mehr für das Brecheisen hatte. Irgendwoher, wahrscheinlich aus der hinteren Hosentasche, hatte er ein beachtliches Messer zum Vorschein gebracht und hielt es drohend gegen Ben gerichtet. Ausbeinmesser, dachte dieser unbehaglich, ohne zu wissen, woher er das Wort kannte. Und er erkannte, dass es nur eine Chance gab.
»JETZT!«, schrie er, riss den Stuhl hoch und rannte damit gegen von Dauss an.
Gleichzeitig sprang Kai mit einem Angriffsschrei aus seiner Deckung hinter der Tür hervor und stürzte sich auf von Dauss’ ausgestreckten Arm. Er krallte sich fest und zerrte ihn mit aller Macht nach unten. Von Dauss, der garantiert mit einem Angriff von Ben gerechnet, aber Kai überhaupt nicht auf dem Schirm gehabt hatte, wurde kalt erwischt. Er schnappte instinktiv mit der freien linken Hand in Kais Haare und riss daran, während er gleichzeitig versuchte, seine bewaffnete Hand freizubekommen. Kai schrie vor Schmerz, von Dauss vor Wut. Ben blieb stumm und rammte eines der hinteren Stuhlbeine in von Dauss’ Weichteile. Auch der schrie nun schmerzgepeinigt und sackte ein Stück weit nach vorne zusammen. Kai versetzte ihm einen Tritt gegen die Fußknöchel, und der Hausherr stürzte rücklings zu Boden. Sein Kontrahent mit ihm, bemüht, von Dauss’ bewaffnete Hand nicht den Bruchteil einer Sekunde aus der Kontrolle zu geben.
»Lass das Messer los, du Arsch«, schrie Kai und drückte sein ganzes Gewicht auf von Dauss’ Arm, der mittlerweile flach am Boden lag.
Von Dauss setzte alles daran, seinen Oberkörper zu drehen und den Arm unter Kai wegzuziehen. Dabei strampelte er mit den Beinen. Ben war nach der ausgefeilt choreografierten Stuhlbein-in-die-Eier-Aktion in eine Art eisiger Starre verfallen, hatte den Stuhl wie ein Popcornverkäufer im Löwengehege ängstlich vor seinen Körper gehalten und gehofft, dass Kai alleine mit der Situation fertigwerden würde. Schließlich hatte der einen richtig guten Überraschungsmoment frei Haus geliefert bekommen. Doch bald erkannte er, dass das monumentale Gefecht Computernerd vs. Bürohengst noch lange nicht entschieden war.
»Mach mit, du Penner«, keifte Kai in seine Richtung, der immer mehr den Rücken vermöbelt bekam und nur aus purem Selbsterhaltungstrieb von Dauss’ Arm weiter am Boden festgenagelt hielt.
Ben ließ endlich den Stuhl fallen und schnappte sich das massive Brecheisen vom Boden. Ach du Scheiße, dachte er, als er das schwere Gewicht in seinen Händen spürte. Wenn ich dem damit eine überbrate, ist sein Schädel Brei. Er hielt die Eisenstange in von Dauss’ Sichtfeld und schrie: »Lassen Sie das Messer los, von Dauss, sonst …« Ja, was sonst? Sonst haue ich Sie? Sonst mach ich nicht mehr mit?
»Mann, gib ihm eins damit, Alter!«, schrie Kai und setzte seinerseits zum nächsten Überraschungsangriff gegen von Dauss an, indem er herzhaft in den Ballen seiner Hand biss.
Von Dauss schrie vor Schmerzen auf und wurde nur noch wilder. Fast war es ihm gelungen, auf die Knie zu kommen. Mit seiner freien Hand riss er erneut an Kais Haaren, und auch dieser schrie aus vollem Mund. Es nutzt nichts, dachte Ben, trat einen Schritt näher und schlug von Dauss die Brechstange vor den Hinterkopf. »Au!«, schrie dieser, zog den Kopf ein Stück tiefer in Richtung Boden. Weitgehend ungerührt ließ er sich nicht von seiner Mission abbringen. »Verdammt«, keuchte Ben, der gehofft hatte, dass der gemäßigte Schlag ausreichen würde, um von Dauss zur Räson zu bringen. Von Dauss bekam den rechten Fuß auf den Boden. Sein linkes Knie drückte er Kai in den oberen Rücken. Dieser ließ ob der Zentnerlast auf seinem Torso ein ersticktes Stöhnen hören, wobei sein Biss sich löste und von Dauss die bewaffnete Hand freibekam.
»Es reicht!«, spie Ben aus und hämmerte von Dauss das Brecheisen unterhalb des Schädels in den Nacken. Volle Kraft voraus. Zwei Sekunden später hätte Kai das Messer im Rücken gehabt.
Von Dauss’ Schulterblätter wölbten sich nach hinten, seine Arme schnellten unkontrolliert nach vorne. Die Kraft aus seinen Händen war verschwunden, und das Messer flog im hohen Bogen durch die offene Tür in den Kellergang. Er gab ein gedehntes »Aaaaaaah« von sich, dann sackte er zusammen. Sein Körper blieb auf Kai liegen, die Stirn schlug mit einem satten Plock neben Kais Kopf auf dem Betonboden auf.
»Weg, weg, weg«, schrie der und zappelte sich unter von Dauss’ Körper frei, als drohte dieser jeden Moment zu explodieren. »Na danke auch«, sagte er mit grimmigem Blick an Ben gewandt, nachdem er sich wieder aufgerappelt hatte. Er rieb sich die schmerzende Kopfhaut an der Stelle, an der von Dauss ihm an den Haaren gerissen hatte. Fast hätte Ben gesagt, dass die Frisur, die ihm von Dauss verpasst hatte, besser aussehe als die von Isi, verkniff es sich aber und wählte lieber den Weg der faktenbasierten Argumentation. »Gebissen und Haare gezogen habt ihr ja schon. Da musste ich mir meine Taktik erst mal gut überlegen. Und fass das Ding mal an.« Er hielt das Brecheisen hoch. »Wenn ich ihm damit eins auf den Kopf gedonnert hätte, wäre der ein Fall für den Bestatter.«
»Wie die beiden da drin«, sagte Kai und deutete auf die versteckte Tür. Ben blickte ihn mit einem Gesichtsausdruck an, der andeutete, dass er über diese Neuigkeit nicht sonderlich überrascht war. »Lass uns die Bullen rufen«, sagte er. »Und einen Krankenwagen. Oben liegt auch noch Isana bewusstlos.«
»Was? Isana?«, schrie Kai aus und dann in Richtung Tür gewandt und lauter: »ISANA?« Er trat einen Schritt an von Dauss vorbei über die Schwelle.
Ben wollte gerade hinterherschicken, dass er hier warten und auf von Dauss aufpassen würde. Doch in dem Moment, in dem er den Mund öffnete, bemerkte er, dass das Messer nicht mehr am Boden lag. »Achtung, Kai!«, schrie er noch, doch es war zu spät.
»Keiner geht«, hauchte Isana mit brüchiger Stimme. Ihr Körper zitterte, und das Zittern übertrug sich auf Kai, der eng an sie gedrückt vor ihr stand. Sie war von der Seite aus an ihn herangeschlichen, als er in den Flur getreten war. Ihre linke Hand umklammerte Kais Bauch, in der Rechten hielt sie das Messer, dessen blitzende Klinge sie an Kais Hals drückte. »Keiner geht«, wiederholte sie und zog Kai mit sich in den Raum hinein. Sie stützte ihren Oberkörper neben dem Regal an die Wand, und auf Ben wirkte es, als fehlte nicht mehr viel und sie würde in sich zusammensacken wie eine leere Hose. Ihre Nase und Oberlippe waren blutverschmiert. In Ben keimte ein Gefühl der Scham auf, weil er sich nicht um sie gekümmert hatte. Dessen ungeachtet fühlte er sich ungewöhnlich ruhig trotz dieser bedrohlichen Situation, und ihm war selbst nicht klar, was der Grund dafür war. Vielleicht traute er Isana nicht zu, das Messer auch wirklich zu benutzen. Vielleicht war sein Vorrat an Adrenalin auch einfach für die nächsten drei bis dreißig Jahre aufgebraucht. Ob Kai die Sache ebenfalls so entspannt betrachtete, wusste er nicht. Dieser hatte die Hände leicht vor dem Körper angehoben – die althergebrachte Ich-mache-keine-Dummheiten-Geste. Ansonsten schien er zu baff, um irgendeine Reaktion zu zeigen.
»Isana«, sagte Ben in betont ruhigem Tonfall. Dabei hielt er die Handflächen in ähnlicher Weise erhoben wie Kai, nur aus seiner Perspektive war es die weltweit anerkannte Wir-wollen-doch-nichts-überstürzen-Geste. »Wir müssen die Polizei rufen.« Er blickte auf Richard von Dauss, der nach wie vor bewusstlos am Boden lag. »Und einen Krankenwagen. Für deinen Vater.«
»Was wollt ihr hier?«, fragte Isana, doch sie wartete nicht auf eine Antwort. Sie richtete sich auf und drückte Kai das Messer fester an den Hals. Sein Körper wirkte gespannt wie eine Bogensehne, und ihm floss der Schweiß in Bächen über die Augen.
»Wach auf, Papa. Wach auf.« Ihre Stimme war zu einem Schluchzen geworden. »WACH AUF! Ich kann die nicht einfach gehen lassen, Daddy.« Sie stupste einige Male mit der Fußspitze gegen Bein und Becken ihres Vaters, doch der schlief weiter seinen Schlaf des Ungerechten.
»Isi«, krächzte Kai, als wäre sein Hals so ausgetrocknet wie der Gärkessel der Bergmannbrauerei. »Alles wird gut, glaub mir. Nimm bitte das Messer runter.«
Ben sah ihr in die Augen. Die starke, junge Frau war verschwunden. Zurückgeblieben war ein verängstigtes und mit der Situation vollkommen überfordertes Mädchen, das ohne ihren Papa, ihren Daddy, keinen Ausweg mehr kannte. Nur dass Daddy, der Kümmerer, der Macher, am Boden lag und keinen Mucks mehr von sich gab. Ben hatte keine Ahnung, wie lange dieser Zustand andauern würde. Und noch schlimmer. Ob der Zustand jemals enden würde, wenn von Dauss nicht schnellstmöglich ärztlich behandelt wurde. »Isana«, sagte er und war bemüht, seinen beschwichtigenden Ton beizubehalten. »Dein Vater braucht einen Arzt! Und im Raum hierhinter …«, er deutete auf die Wand, an die sich Isana gelehnt hatte, »liegen zwei Leichen. Wir glauben, dass Lauber die hier abgelegt hat.«
Isana stieß ein Heulen aus, das Ben die Knie schwach werden ließ. Er hatte das Gefühl, jeden Moment auch das äußere Gleichgewicht zu verlieren. Das innere hatte er schon länger eingebüßt.
Dann sagte sie: »Ich weiß.« Es war nicht mehr als ein Schluchzen, doch Ben war sich sicher, die Worte richtig verstanden zu haben. Ihr Körper wurde unter ihren Seelenqualen heftig durchgeschüttelt. »Er hat das für mich gemacht. Für mich.« Eine Sekunde sah es so aus, als wollte sie hinter Kai auf die Knie gehen, doch dann richtete sie sich auf und trat erneut, diesmal panikartig und alles andere als sanft, mit der Schuhspitze vor das Becken ihres Vaters. »Wach auf!«, schrie sie verzweifelt. »WACH AUF!«
Ben war nicht sicher, ob sich mit der neuen Situation alles zum Besseren wenden oder ob die Lage für ihn und Kai nur noch bedrohlicher werden würde. Von Dauss begann langsam, sich zu rühren. Seine Hand hob sich schwerfällig vom Boden ab, und er führte sie zitternd zur Stirn. Alle drei beobachteten gebannt und schweigend die Szene. Insgeheim hoffte Ben darauf, dass Kai es irgendwie fertigbringen würde, den Moment für sich zu nutzen und Isana zu entwaffnen, doch ein schneller Blick verriet ihm, dass sein Freund aller Voraussicht nach ebenfalls den Verstand verloren hatte. Kais Augen bekundeten genau denselben stupiden Einschlag, den er auch dann bekam, wenn er zwölf Stunden ununterbrochen irgendwelche Codezeilen in den Rechner hackte und alle Tugenden wie rationales Denken, gesunden Menschenverstand und Körperpflege unerreichbar weit in den Hintergrund gerückt waren. Meistens konnte Ben ihn unter diesen Umständen mit einer Tasse Kaffee, Aldi-Doppelkeksen und einem Schlag auf den Hinterkopf wieder ins Hier und Jetzt befördern, doch das alles schied momentan aus. Von Daus rieb sich die Stirn, dann zog er sich behäbig in eine sitzende Position. Er wirkte desorientiert und abwesend.
»Daddy?«, sagte Isana mit leichter Hysterie in der Stimme. »Daddy? Was soll ich machen? … Papa?«
Von Dauss blinzelte ein paar Mal und bewegte dann langsam den Kopf in Richtung seiner Tochter. »Isana«, sagte er mit matter Stimme, die gleichzeitig Verwunderung und Wiedersehensfreude ausdrückte, dann blickte er Kai an, dann Ben. Anscheinend fiel ihm bei deren Anblick wieder ein, was passiert war, denn er versuchte, sich hektisch auf die Beine zu stemmen. Zu Bens Erleichterung scheiterte er damit kläglich. Seine unteren Extremitäten wollten ihm noch nicht wieder gehorchen. Am liebsten hätte Ben sich schon mal die Brechstange gesichert, die ungemütlich nahe an von Dauss lag. Doch er wagte es nicht, sich zu rühren.
Von Dauss zog sich ein Stück zurück, näher an die Wand, an die er nun seinen Oberkörper lehnte. »Warte kurz.« Es klang eher wie ein Lallen. »Ich kümmere mich gleich. Bleib … bleib erst mal so.« Er machte eine unbestimmte Geste und legte seine Hand in den Nacken, um ihn zu massieren. »Wir regeln das.«
»Herr von Dauss«, begann Ben. »Sie brauchen dringend einen Arzt. Und sagen Sie Ihrer Tochter, dass sie das Messer fallen lassen soll. Sie wollen doch nicht, dass sie sich unglücklich macht.«
»Hör nicht drauf, Isana«, entgegnete von Dauss. »Bleib so. Ich kümmere mich gleich.« Er stieß ein rasselndes Husten aus. »Du weißt doch, dass wir zusammenhalten müssen, oder?« Und dann nach einer Pause: »Wir beide?«
Isana zog hörbar ihren Rotz hoch und wackelte mehrfach mit dem Kopf. Das Nicken einer Übergeschnappten. Ben überdachte seine Optionen. Dann begann er innerlich zu zählen. Eins … zwei …
Und wieder kam er nicht weiter. Mit einem Schlag waren alle Gedanken aus seinem Kopf gelöscht. Pure Leere herrschte in Bens Geist, während sein Körper mit einem Schlag zu einer Säule aus massivem Eis gefroren war. Nicht mal mehr bis drei zählen war möglich. Er konnte nur noch sehen. Und was seine Augen erblickten, war so schier unglaublich, dass sein Gehirn keine Worte dafür fand. Er spürte, wie eine Welle des Entsetzens an seinen Füßen aufkeimte und ihm gnadenlos von unten nach oben über den Körper rollte. Heiß. Dann wieder eiskalt. Die Haut an Beinen und Armen richtete sich auf, und dann hörte er, wie sich aus seiner Kehle ein gequältes, schmerzvolles »Nein!« löste. Die drei anderen Personen wurden auf ihn aufmerksam und blickten Ben unisono an. Dann folgten ihre Augen seinem Blick. Hin zum Holzschränkchen.
Von ihren Positionen aus konnten Kai, Isana und von Dauss noch nichts erkennen. Nur Ben sah, dass die Tür zum Verlies nicht mehr angelehnt war. Sachte hatte sie sich ein Stück weit geöffnet. Nein. Jemand hatte sie geöffnet.
Und dann bewegte sie sich weiter. Ben spürte instinktiv, wie die anderen ebenfalls vor Entsetzen erstarrten. Nun, da sich das äußere Ende der flachen Tür etwas aus dem Schränkchen abhob und in ihr Sichtfeld rückte. Ich wusste es, war der erste Gedanke, der sich in seinem Geist manifestierte. Ich wusste es! Tränen schossen ihm in die Augen. Er wusste es, seit er in Sanders Akte gelesen hatte, welches Medikament der Arzt Elisa verabreicht hatte. Digotricin Forte. Dasselbe Mittel, das auch Frau Umbreit für ihr Herz bekam und das erst seit drei Monaten auf dem Markt war. Er hatte mit dem Schlimmsten gerechnet und war fast erleichtert gewesen, als Kai kurz vorher erwähnt hatte, dass zwei Leichen im Verlies liegen würden. Er hatte sich offenbar getäuscht.
Zuerst war es nur ein schwarzes Viereck, welches sich seinem Blick offenbarte. Eine schwarze Leere jenseits der Luke. Dann sah er sie. Ihr Gesicht war das einer Toten. Eingefallen. Schwärzlich grau. Verhärmt. Die langen Haare, schlohweiß geworden. Verkrustet. Starr vor Dreck. Nur eine Sekunde lang hatte er ihr in die Augen geblickt, bevor sie diese vor dem grellen Licht im Raum schloss. Dieser Anblick würde ihn verfolgen. Sein ganzes Leben. Ihre Augen waren klar, weiß und durchdringend gewesen. Voller Leben. Und dieser Gedanke brachte ihn fast um den Verstand. Voller Leben. Oh Gott. Eine Träne lief ihm über die Wange. Voller Leben.
»Isana?«, sagte sie. Und ihre Stimme klang nicht wie die einer Toten. Oder einer Hexe, für die man sie halten konnte. Einer abscheulichen Gestalt aus der Unterwelt. Ihre Stimme klang weich. Fast zärtlich. Voller Leben!
»Isana?«
Und Isana sah ebenfalls. Sie sah und erkannte.
»Nein«, entkam es atemlos ihrer Kehle. »Nein, nein, nein. Oh nein!« Sie ließ von Kai ab. Zitterte. Ihre Beine versagten den Dienst, und sie sank auf die Knie. Unfähig, den Blick von ihrer Mutter zu nehmen, die ihren Oberkörper bis zur Hälfte aus dem Schrank gezogen hatte. Mehr Kraft steckte nicht in ihr. Ihr Körper bäumte sich noch einmal wie ein Bogen gespannt auf und sank dann kraftlos in sich zusammen.
»Isana«, sagte sie erneut, doch diesmal war es keine Frage mehr, sondern eine Erkenntnis.
»NEEEEEIIIIN!«, schrie Isana und drückte sich die Fäuste gegen die Schläfen, als wollte sie ihren Kopf davor bewahren, zu explodieren und sich im Raum zu verteilen. Das Messer hielt sie nach wie vor in der rechten Hand. »Du hast gesagt, sie ist tot!«, spie sie aus, und in ihrer Stimme mischten sich Trauer, Entsetzen und blanker Hass. »DU HAST GESAGT, SIE IST TOT!« Ihr Oberkörper wurde von einem heftigen Schütteln erfasst.
Richard von Dauss beugte sich nach vorne, riss den Blick zum ersten Mal vom Körper seiner Frau und kroch auf allen vieren auf seine Tochter zu. »Isana«, sagte er leise. Beschwichtigend. »Isana. Alles wird gut. Ich hab … Ich wusste nicht …«
Ben erkannte, dass die Zeit gekommen war einzuschreiten. Kai stand nach wie vor paralysiert da, unfähig, den Blick von Elisa von Dauss zu wenden. Er war keine große Hilfe, aber den Rest würde Ben auch alleine schaffen. Er tat einen Schritt auf Isana zu.
»NEEEEEIIIIN!«, schrie Isana wieder, doch diesmal war es reiner Hass, der aus ihrer Kehle sprühte. Ben sah, wie ihre rechte Hand einen weiten Bogen in Höhe ihres Brustkorbs beschrieb.
Die Klinge glitt ohne erkennbaren Widerstand durch Richard von Dauss’ Kehle. Ben spürte heiße Tropfen im Gesicht, erkannte nadelfeine, rote Spritzer neben Kai an der Wand, noch bevor er begriffen hatte, was passiert war. Alle Töne um ihn herum verschwanden in einem Meer von Stille. Alles bewegte sich in Zeitlupe. Er sah, wie seine Hand nach Isanas Arm griff und ihr das Messer entwand. Er sah, wie Richard von Dauss vor seinen Füßen zusammensackte. Wie Isana einen scheinbar stummen, doch nie enden wollenden Schrei ausstieß. Er sah, wie er selbst auf die Knie ging, Richard von Dauss umdrehte und ihm eine Hand auf die klaffende Wunde drückte, aus der im Rhythmus seines schwächer werdenden Herzschlags unaufhörlich Blut pumpte. Er sah, wie Kai irgendetwas Unhörbares in seine Richtung rief und aus dem Raum rannte.